Der Dorfkrug - Schilkseer
Hof
Schilksee hatte fast 700 Jahre seiner Geschichte keine Kirche. Der für
den Gottesdienst der Schilkseer zuständige Ort war Dänischenhagen,
wo in der Nähe der Kirche für jeden Gutsbezirk bzw. dessen Bevölkerung
ein eigener Krug, wie Gasthäuser hierzulande eigentlich heißen,
existierte. So kam es, daß bis zum Ende des letzten Jahrhunderts
die Schilkseer entweder nach Dänischenhagen oder ins Dorf Pries mußten,
welches bis zu dessen Abbruch 1980 einen eigenen Krug hatte. Mitte der
2. Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde nach langen Streitereien um die
Gefahren des Alkoholgenusses in Schilksee die erste Gastwirtschaft für
die damals rund 200 Schilkseer - zusammen mit einer Hökerei, einem
Laden, wo es alles mögliche gab - eingerichtet. Das Haus war
Altenteilerhaus einer der Bauernstellen und befand sich an der Ecke
der heutigen Straßen Alter
Kirchweg und Schilkseer Straße. 1874 wurde der Krug zum ersten
Mal genannt, nach 1902 machte Hugo Krützfeld aus der kleinen
Gastwirtschaft ein bedeutendes Haus, indem er einen großen
Saal anbaute, so daß Schilksee nun endlich einen
richtigen Krug für Dorffeste, Familienfeiern jeder Art hatte, ein
Ziel für Wandergruppen und Betriebsausflüge. Man traf sich
dort zu goldenen Hochzeiten, nach dem Ringreiten und Vogelschießen,
zu Elternabenden und Schulvorführungen oder im Rahmen eines gemeinsamen
Ausfluges. War das Strandhotel eher der Ort, wo sich die feinen Leute
(oder die, die sich dafür hielten) sowie die Mächtigen
des Staates trafen (auch ein paar Nazigrößen logierten
dort kurz vor dem Kriege!), so war der Dorfkrug das Lokal eher der
kleinen Leute, der Treffpunkt für Jedermann.
Als Nachfolger der Krützfeldts war von 1924 bis 1930 die
Familie Baasch Betreiber des Dorf-kruges. Nach einer kurzen Zeit, in der
zwei wenig in Erscheinung getretene Pächter
namens Meier bzw. Groth den Krug führten, übernahm
ein Mann den Dorftreffpunkt, der in der Schilkseer Gaststätten-
und Postgeschichte einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat: Von 1932
(oder 1933) bis zum 31. Oktober 1946 betrieb Friedrich Jüncke den
Dorfkrug, baute eine Kegelbahn und richtete in der Gaststube eine
Poststelle ein. Die erste Schilkseer Post! Im Krieg diente
der Dorfkrug dann als Gefangenenlager für französische Soldaten
im
Einsatz auf den Bauernhöfen. Jünckes Nachfolger waren Frieda
und Karl Orth, deren Wildessen noch heute unter Eingeweihten
gerühmt wird. Nach dem Sommer des Jahres 1955 wurde der
Dorfkrug modernisiert und firmierte nun unter „Neuer Dorfkrug - Hotel-Pension“,
dann als „Schilkseer Hof". Besitzer waren nun Ellen und Peter Schmidt,
die den ehemaligen Dorfkrug zur ersten Adresse machten, der Baedeker wies
die stolze Zahl von 50 Gästebetten aus.. Vor allem zu Zeiten der Kieler
Woche logierte hier so manche Berühmtheit, auch gekrönte
Häupter trugen sich in die Gästeliste ein. Daß der
TSV auch wiederholt hier feierte und den Saal als Sporthallenersatz
nutzen mußte, dürfte spätestens seit dem Vereinsjubiläum
997 allgemein bekannt sein. Wie überall in den kleinen
Gemeinden auf dem Lande wurden jedoch im Zuge des Wirtschaftswunders
die Zeiten für die Dorfkrüge schwierig. Auch unter neuem
Namen wurde es immer schwieriger. Der in der Gaststube des Dorfkruges
unterzeichnete Eingemeindungsvertrag machte die Zeiten für
Etablissements im Stile alter Zeiten auch nicht gerade leichter.
Zwar fanden zunächst weiter Familienfeiern und Feste jeder Art
statt, wurde sogar mit nicht wenig Erfolg in den "Siebzigern" für
die jungen Leute eine über Schilksee hinaus bekannte Diskothek
veranstaltet, was allerdings vor allem Parkplatzprobleme nach sich zog.
Genützt hat es schließlich doch nichts. Nachdem der Schilkseer Hof von einem stadtbekannten Geschäftsmann mit umstrittenem Ruf erworben worden war, ging es endgültig bergab. Der Zustand des Hauses wurde schlechter und schlechter. Man erzählte sich Geschichten von Ratten in der Kegelbahn und ganz auffällig unauffällig interessierten sich Beamte der Finanzverwaltung für den finanziellen Zustand des Schilkseer Hofes. Auch wird heute noch von teuer zu bezahlenden Aktivitäten in bestimmter Hinsicht sehr großzügiger Damen (die wohl eher keine solchen waren!) gemunkelt, die dem Restaurant und auch Schilksee wenig zur Ehre gereichten. Die angebliche Vorführung wenig jugendfreier Filme - es gab ja noch keine privaten Fernsehsender mit entsprechendem Programm - war dagegen noch eher harmlos zu nennen. Was nun tatsächlich war und nicht war und was hätte sein können, wenn ... ?!
Am 18. Oktober 1983 jedenfalls brannte es dann plötzlich auf mysteriöse Weise im Schilkseer Hof - kurz vor der Zwangsversteigerung. Man munkelte von "warmem Abbruch", aber es war nichts nachzuweisen, der Besitzer weilte gerade im Ausland. Die Versicherung mußte zahlen. Über 4 Jahre stand die Ruine mit verkohlten Dachbalken und zugenagelten Fenstern noch im Zentrum des alten Dorfes, bis schließlich (November 1987) die Abrißbagger kamen und bis auf die alten Bäume - zwei Linden und eine Eibe - die Reste einstiger Dorfkrugherrlichkeit verschwinden ließen. 1989 konnten vier neue Doppelhäuser im Landhausstil bezogen werden. Sie fügen sich zusammen mit den drei alten Bäumen erstaunlich gut ins alte Dorfbild ein, nur: der alte Dorfkern Schilksees ist seither wieder ohne Krug - wie Jahrhunderte zuvor!
Übrigens: Schon 1931 hatte der damalige Dorfkrug gebrannt. Wie 1983 war es auch 1931 eine merkwürdige, nie geklärte Geschichte gewesen. Walter Langfeldt erinnert sich: "Der eine Raum sah seltsam aus. Jede der vier Ecken wirkte, als hätte dort jemand sorgfältig ein Feuer angelegt und nicht, als wenn - z.B. durch einen technischen Fehler - an einer Stelle das Feuer seinen Anfang genommen und sich dann mehr oder weniger zufällig ausgebreitet hätte." Die Hitzeentwicklung bei dem Brand war enorm. Ein Teil der Kohlensäure-Flasche unter dem Tressen wurde abgesprengt, flog weit aus dem Haus hinaus. Der zerstörte nördliche Teil des Kruges wurde damals in veränderter Form - so wie viele ihn noch kennen - neu aufgebaut, um rund 50 Jahre später endgültig dem "Roten Hahn" zum Opfer zu fallen.
Glücklicherweise gibt es ja inzwischen eine einigermaßen
breitgefächerte Gastronomie in Schilksee (10 Restaurants sowie 3 Cafés)
Die Funktion eines "Dorfkruges", wenn es so etwas heute überhaupt
noch gibt, hat für viele seit 1990 das neu gebaute Vereinsheim
des TSV Schilksee übernommen.